Die Philosophie der Pflege

Die Medizin der Person

Das Erbe von Paul Tournier und der Ansatz, der die Praxis von Dr. Cocuzzi prägt

Wer war Paul Tournier

Porträt von Dr. Paul Tournier Paul Tournier (1898–1986)

Paul Tournier wird 1898 in Genf geboren, als Sohn eines protestantischen Pfarrers. Schon als Kind verliert er beide Eltern und wächst mit einem tiefen Gefühl der Einsamkeit auf, das er später als das Empfinden beschreibt, in den Augen anderer gar nicht wirklich zu existieren. Diese Erfahrung wird, so paradox es klingt, zur Wurzel seines gesamten Werks: Nur wer selbst das Bedürfnis kannte, gehört und anerkannt zu werden, kann ermessen, wie zentral dieses Bedürfnis in der Betreuung jedes kranken Menschen ist.

Er schliesst 1923 sein Medizinstudium ab und eröffnet in Genf eine eigene Praxis als Allgemeinmediziner. In den 1930er-Jahren nähert er sich dem reformierten Gedankengut sowie der sogenannten Oxford-Gruppe an – Erfahrungen, die ihn dazu bringen, über das Verhältnis von Medizin, Gespräch und geistlichem Leben nachzudenken. 1937 wandelt er seine ärztliche Praxis in einen Raum des Gesprächs und der ganzheitlichen Betreuung um, der die Trennung zwischen klinischer Untersuchung und seelischer Begleitung überwindet.

Das Buch: Médecine de la Personne

1940 veröffentlicht Tournier in Neuenburg sein grundlegendes Werk Médecine de la Personne. Das Buch entsteht aus einer klaren Unzufriedenheit: Weder die klassische, auf den Naturwissenschaften beruhende Medizin noch die aufkommende psychosomatische Medizin, die Freud und Jung viel verdankt, vermögen für sich allein dem Geheimnis eines kranken Menschen gerecht zu werden. So wertvoll beide Ansätze sind, reduzieren sie die Person doch auf ein Untersuchungsobjekt.

Tournier schlägt einen dritten Weg vor, der die medizinische Wissenschaft nicht ersetzt, sondern ergänzt: den Patienten nicht als klinischen Fall zu betrachten, der gelöst werden muss, sondern als einzigartige Person mit einer eigenen Geschichte, mit Beziehungen, Verletzungen und einer geistlichen Dimension, die tatsächlich auf die körperliche Gesundheit einwirken. Das zunächst mit Skepsis aufgenommene Buch wird in zahlreiche Sprachen übersetzt und führt 1947 zur Gründung einer internationalen Ärztebewegung, die sich um genau diese Vision versammelt.

Für Tournier ist körperliche Krankheit oft der sichtbare Ausdruck eines tieferliegenden Leidens: eines Leidens in Beziehungen, im Dasein, im Geistlichen. Heilen bedeutet daher, den ganzen Menschen zu hören, nicht nur das betroffene Organ.

Die Grundsätze der Medizin der Person

Ein bis heute aktuelles Erbe

Mehr als achtzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nimmt Tourniers Einsicht vorweg, was heute als personenzentrierte Medizin bezeichnet wird: ein Ansatz, der die wissenschaftliche Methode mit dem Zuhören, der Aufmerksamkeit für die Lebensgeschichte des Patienten und der Suche nach Sinn verbindet, ohne dabei die klinische Sorgfalt aus den Augen zu verlieren. In einer Zeit, in der die medizinische Technologie immer präzisere Diagnosen ermöglicht, bleibt sein Appell wertvoll: Die wirksamste Behandlung entsteht aus der Begegnung zweier Menschen – noch bevor sie zur Begegnung zwischen Arzt und Krankheit wird.